Zehn Jahre "Psychotische Episoden"

In diesem Jahr jährt sich das erste Erscheinen der Anthologie "Psychotische Episoden" zum zehnten Mal. Grund genug, den Weg näher zu beleuchten, den mein ursprüngliches Manuskript bis heute genommen hat. Obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits sieben Bücher aus meiner Feder erhältlich sind, wird mein Erstlingswerk offenbar immer noch gern gelesen. Dabei wurde die erste Story, die ich in dieses Buch aufnahm ("Liesa") bereits vor sage und schreibe 29 Jahren verfasst.

Wie die meisten meiner Leser wissen, schrieb ich als Kind schon gern Gruselgeschichten. Während meiner Flegeljahre hing ich die Schreiberei jedoch vorübergehend an den Nagel, um mich den typisch jugendlichen, zweifelhaften Genüssen hinzugeben und verschiedenen Lastern zu fröhnen. Während meiner Ausbildung zum Bürokaufmann schrieb ich dann aus einer immensen Wut heraus die Kurzgeschichte "Liesa". Es war das erste, was ich nach fünf Jahren zu Papier brachte, und die Story kam bei allen Lesern, denen ich sie maschinenschriftlich vorlegte, erstaunlich gut an. Also fasste ich den Entschluss, die Schreiberei wieder aufzunehmen. Das war im Jahr 1988.

Es folgten jedoch weitere Pausen, die nicht zuletzt durch meine beruflichen Tätigkeiten begründet waren. Neben einem Fabrikjob schrieb ich noch für eine heimische Zeitung, weshalb ich kaum dazu kam, in meinem eigentlichen Genre zu arbeiten. Das änderte sich, als ich 1996 anfing, für eine lokale Bikerzeitschrift Kurzgeschichten zu verfassen. Ich mischte also Rocker- und Motorradphilosophie mit einer gehörigen Portion Schrecken, und auf diese Weise entstanden die drei Geschichten "Der Felsen", "Die Nacht der Walküren" und "Heldenwind". Letztere fand dort keine Veröffentlichung mehr, weil die Zeitschrift schon nach drei Ausgaben eingestellt wurde. Doch die bereits erschienenen Geschichten erzeugten ausschließlich positives Feedback. Das war der Auslöser für mich, eine Anthologie mit Gruselgeschichten der unterschiedlichsten Sparten zu schreiben. Neben "Liesa" und den drei Bikerstorys fand noch "Mahlgut" den Weg in das Manuskript - eine Splattergeschichte, die ich bereits 1993 auf Teneriffa fertiggestellt hatte. Der Rest folgte in den nächsten zwei Jahren: "Der Schabenkönig", "Der Spinnentöter", "Die Stunde des Phaeton", "Thornhayden" und "Tief unten". Letztere Story schrieb ich in ihrer Urfassung bereits in den späten 80ern. Sie basierte auf einem seltsamen Traum.

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang noch die Kurzgeschichte "Frühlingsgefühle". Sie war eigentlich nicht für die Anthologie bestimmt, sondern mein Beitrag für einen Wettbewerb der Schriftstellerin Hera Lind. Sie suchte ihrerseits für eine Anthologie Geschichten über starke Frauen, und ich nahm auf meine Weise daran Teil, um sie ein wenig zu ärgern. Dass ich kein Feedback bekam geschweige denn einen Blumenpott gewann, braucht nicht näher erwähnt zu werden. So fand sie ebenfalls Einzug in mein Werk.

Im Urmanuskript befanden sich ursprünglich noch die Gedichte "Tenebrosus", "Der Wiedergänger", "Luzifers Lamento", "Das Böse", "Auf Gedeih und Verderb", "Claudette", "Mimikry" und "Totentanz" sowie das Vorwort "Die Poesie der Zersetzung". Das in der heutigen Fassung fehlende Vorwort sei hier wiedergegeben (es folgt dem noch enthaltenen Zitat von H. G. Wells):

H. G. Wells erkannte bereits zu seiner Zeit den dubiosen Wandel im menschlichen Verhalten. Ob der Autor gewusst hat, wie weit sich dieser psychologische Trend noch entwickeln würde? Wir alle sind gesellschaftlich veranlagt, versuchen aber andererseits krampfhaft, unsere Anonymität zu bewahren. Die Schizophrenie vor allem in den Großstädten steigt in erschreckendem Maße an. Sensationslust und regelrechte Blutgier formen den modernen Menschen zusehends. Scheinbar haben wir durch den unaufhaltsamen technischen Fortschritt die Bequemlichkeit unseres eigenen Lebens zu solcher Selbstverständlichkeit geführt, dass wir den Tod als eine willkommene Abwechslung betrachten. Um in einem derartig verschrobenen Zeitalter überleben zu können, gehen wir freiwillig das Risiko ein, dem reißenden Strom des Wahnsinns zu folgen. Elend und Tod, ob in den Medien oder aus eigener Erfahrung, werden ihrerseits zum Alltag. Doch was kommt danach? Was wird sein, wenn wir diesem Irrsinn eines Tages ebenso müde werden? Während der Entstehungszeit dieses Buches sind in meiner Umgebung sehr viele Menschen gestorben. Manchmal, in stillen Stunden, höre ich sie tief in meinem Inneren rumoren. Und von Zeit zu Zeit kann ich ihre Stimmen vernehmen, wie sie Verse dichten über die Vergänglichkeit allen Seins. Es scheint in unserer Natur zu liegen, dass wir dem Tod viel zu viel Bedeutung beimessen. Die vorliegenden Geschichten und Gedichte handeln, ich mache mit der Bewertung des Todes keine Ausnahme, überwiegend vom Sterben und vom Tod. Der Leser wird jedoch feststellen, dass der Moment des Todes der Protagonisten sehr von ihrem vorherigen Leben beeinflusst wird. Wenn wir erkennen, dass alle Schrecken dieser Welt letztendlich in uns selbst liegen, kann uns unser eigener Tod wie eine Waffe dienen. Alle Ungeheuer liegen im Endeffekt in unserem Spiegelbild. Wir müssen lediglich die Kunst erlernen, tief genug in unser Abbild hineinzutauchen. Denn schon Kaufmann sagt: "Der Ort der Angst ist das Ich." Wenn die Stimmen in mir lauter werden, wird mir klar, dass die größten Geheimnisse der menschlichen Existenz nicht im Tod, sondern im Leben zu finden sind. Denn das Leben ist schließlich eine Aufgabe, eine Gleichung mit drei Unbekannten: Körper, Seele und Geist.

Der Titel "Psychotische Episoden" erschien mir schon damals sehr passend, da er einerseits einen schizophrenen Zustand bezeichnet, andererseits aber auch als Zusammenfassung mehrerer Folgen einer Reihe verstanden werden kann, was ja die Anthologie ausmacht. So blieb ich bei dieser Entscheidung.

Das Manuskript fand seinen Weg zu einer Literaturagentur, was jedoch zu gar nichts führte. Außer enormen Kosten kam nichts dabei für mich heraus. Es gibt für einen Autor wohl kaum etwas zermürbenderes, als auf gute Nachrichten zu warten, die nie eintreffen. Über Jahre hinweg verstaubte die nunmehr lektorierte Storysammlung in meiner Schublade (und vermutlich auch in einem Regal der Agentur), bis ich schließlich im Jahre 2007 auf die allmählich salonfähig gewordenen PoD-Anbieter aufmerksam wurde. Ich holte das Manuskript wieder hervor und fertigte eine digitale Version an. Eine neue Fassung wurde erstellt: Die Gedichte verschwanden aus der modifizierten Version (sie sind heute in meinem Lyrikband "Zerfall" zu finden), hinzu kam stattdessen die Story "Die Machenschaften des Dr. Zoll". Das damalige Coverbild fertigte meine Frau aus freien Grafiken an.

Die erste Ausgabe der nunmehr zwölf Geschichten umfassenden Anthologie erschien somit 2007 bei Lulu als Hardcover. Die Absätze waren dürftig, was nicht zuletzt an einem hohen Preis und mangelnder Werbung gelegen haben dürfte. Zudem wurde das Buch seinerzeit in den USA gedruckt und machte eine halbe Weltreise, bis es an seinem deutschen Zielort ankam. Sechs Wochen Lieferzeit waren durchaus zu erwarten, und als ich einmal eine Lieferung an mich selbst verfolgte, staunte ich nicht schlecht, dass sich die Sendung derzeit in China befand. Aus dem Grunde wechselte ich 2009 zunächst zu dem deutschen Anbieter Epubli. Das Cover wurde geändert, und eine preislich etwas günstigere Hardcovervariante erschien bei weit besseren Lieferzeiten. Dennoch verliefen die Verkäufe mehr als schleppend und dürftig, zumal das Buch keine ISBN besaß und nur im hauseigenen Shop von Epubli zu erwerben war.

Die Wende kam schließlich 2011, als ich zur Amazontochter CreateSpace wechselte. Nun war eine preislich vertretbare Softcoverversion (wiederum mit modifiziertem Cover, dieses Mal hauptsächlich wegen Formatänderung) mit ISBN erhältlich, die allerdings nur über Amazon selbst zu beziehen war. Doch es zeichneten sich jetzt erste Erfolge ab, zumal auch allmählich eBooks den Markt eroberten - ein Zug, auf den ich sofort aufsprang. Von da an verlief schließlich die Kurve für mich bergauf. Dennoch war ich nicht ganz zufrieden, denn ich hatte alle Hände voll zu tun, die verschiedenen Bücherportale im Netz zu beliefern. Zu diesem Zweck arbeitete ich mit Anbietern wie Xinxii und Beam. Doch das war fast ein Fulltimejob, wobei ich aber durch den mangelnden Eintrag im VLB (Verzeichnis lieferbarer Bücher) immer noch nicht die lokalen Buchläden bedienen konnte.


Dann, im Jahr 2015, entdeckte ich meinen derzeitigen Dienstleister und Verlag BoD, der inzwischen sein System ein wenig geändert hatte und Pakete anbot, mit denen all das möglich war, was mir noch fehlte. Wieder kreierte ich ein neues Cover mit einer etwas zeitgemäßeren Technik. Heraus kam die Version, die derzeit erhältlich ist. Voilà - "Psychotische Episoden" ist seitdem überall zu bekommen oder zumindest bestellbar. So hatte ich mit dem Folgeband "Weitere Psychotische Episoden", der im gleichen Jahr noch erschien, glücklicherweise nicht noch einmal eine solche Odyssee zu durchlaufen.

Die Serie "Psychotic Tales", bei der es sich um Einzeldownloads der Kurzgeschichten der beiden Bände handelt, war jedoch ebenfalls zwei Wandlungen unterworfen. Zunächst lief sie, während ihres ersten Erscheines 2014, unter dem gleichen Titel wie die Anthologie, was jedoch zu einiger Verwirrung führte. Daraufhin änderte ich den Grundrahmen der Cover und gab sie lediglich als "Horror Shorts" an. Diese Fassungen waren jedoch meinen Büchern zu ähnlich und verunsicherten die Leser dieses Mal aus optischen Gründen. Also wählte ich ein Jahr später ein völlig neues Design und machte mich auch hier daran, komlett neue Cover zu kreieren. Seit 2016 laufen damit die "Psychotic Tales" chronologisch neben den Anthologien.


Bleibt nur noch zu sagen, dass das Thema "Psychotische Episoden" bzw. "Psychotic Tales" noch lange nicht beendet ist: Der dritte Band befindet sich bereits in Vorbereitung. Wann dieser das Licht der Welt erblickt, kann ich noch nicht sagen, denn es sind momentan mehrere Projekte gleichzeitig in der Schmiede. Eines davon ist jüngst fertiggestellt worden, und die Veröffentlichung steht unmittelbar bevor; etwas ganz Besonderes - sozusagen eine psychotische Episode von höchster Brisanz. Und ich sage nur so viel: Freunde des Cthulhu-Mythos werden als erstes aufhorchen ...

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