23 - Das Tuten

(c) 2015 J. Mertens

 

BoD-Short (eBook)

enthalten in: "Weitere Psychotische Episoden"

 

€ 0,99

 

Beziehbar über die meisten großen Internetportale (siehe weiter unten).



Nachdem Ray sich seiner Familie gegenüber versündigt hat, wacht er eines Morgens mit einem nervtötenden rhythmischen Tuten im Ohr auf. Er hat das Bedürfnis, sich mit seiner Frau und seinem Sohn auszusprechen, doch das durchdringende Geräusch erschwert die Gespräche. Als er feststellt, dass er sich an bestimmte Details des vorherigen Tages nicht mehr erinnern und seltsame Veränderungen in seinem Umfeld nicht deuten kann, wird das Tuten zu seinem traurigen Schicksal ...




»Hast du mir eigentlich zugehört?«, fragte Lynn leise unter Tränen. »Oder geht es dir jetzt nur darum, dein Gewissen zu erleichtern?«
Ray blickte aus dem Sessel zu dem Sofa hinüber, wo sie saß. Doch, er hatte sehr wohl zugehört. Oder vielmehr: Er hatte es versucht, aber das nervende Dauergeräusch in seinen Ohren hatte alles überlagert. Seine Frau hatte etwas von ihren Empfindungen gesagt und ihm mit vielen Worten erklärt, wie sie sich bei all dem gefühlt hatte. Das pulsierende Piepen hatte es ihm aber unmöglich gemacht, den genauen Wortlaut zu verstehen. Dieser war für ihn allerdings nebensächlich, denn es ging ihm letztendlich um etwas völlig anderes. Etwas anderes? Aber um was denn?
»All das tut mir unendlich leid«, flüsterte Ray mit hängendem Kopf. »Du weißt, dass ich es nicht wieder rückgängig machen kann.«
»Ja, das weiß ich«, schluchzte Lynn. »Hättest du doch gleich mit mir geredet. Es hätte doch alles wieder in Ordnung kommen können.«
Hätte, könnte, wäre … Phrasen, die bisher niemanden weitergebracht hatten. Jetzt war es zu spät, warum auch immer. [ ... ]


Es gibt Situationen im Leben, die man nicht wieder rückgängig machen kann, und die Wahrnehmung von Elementen aus einer anderen Realität (was auch immer das sein mag) versucht uns das möglicherweise klarzumachen. Doch wir haben in den Jahren der Hektik das Zuhören verlernt, und alle Wiedergutmachungsversuche müssen kläglich an der Granitmauer des Schicksals zerbersten. Dabei sind wir es selbst, die die Fäden ziehen, und wir dürfen uns nicht wundern, nach einer falschen Entscheidung selbst einmal das Tuten hören zu müssen.