17 - Sie wohnen gegenüber

(c) 2015 J. Mertens

 

BoD-Short (eBook)

enthalten in: "Weitere Psychotische Episoden"

 

€ 0,99

 

Beziehbar über die meisten großen Internetportale (siehe weiter unten).



Die Wohnqualität einer ganzen Straße ändert sich rapide, als eine neue Familie sich dort ansiedelt. Keiner der frisch eingezogenen Mieter verlässt jemals das Haus, niemand bekommt sie je zu Gesicht. Nur nachts sieht man ihre Schemen hinter den Vorhängen, starr und unbeweglich. Die gesamte Gegend versinkt in einer unbestimmbaren Angst, und als Personen auf Nimmerwiedersehen in dem Haus verschwinden, steigert sich die Situation ins Schizophrene ...




Es war ein windiger Tag im Herbst, als der Möbelwagen vorfuhr – kein großer Lastwagen, sondern lediglich ein Kleintransporter. Offenbar hatte die Familie, die im Haus gegenüber einzog, nicht sehr viel Hausrat. Die Wohnung im dritten Stock war über Monate hinweg unbewohnt geblieben, nachdem der letzte Mieter, ein alter Mann von 94 Jahren, seinen letzten Gang angetreten hatte. Ich war damals noch ein kleines Kind, noch nicht einmal in der Schule, und das Ableben des werten Herren erfüllte mich erstmals im Leben mit Trauer, denn der alte Herr Krämer war ein sehr netter Mensch gewesen, der die Kinder in der Nachbarschaft immer mit reichlich Bonbons und Schokolade versorgt hatte. Man half ihm daher gern mal, die schweren Taschen zu tragen, wenn er vom Einkaufen nach Hause kam. Er war dann stets sehr dankbar und großzügig gewesen. Nun war Herr Krämer nicht mehr da, und nicht nur ich, sondern auch meine älteren Brüder Klaus und Joachim sowie meine Schwester Tessa waren neugierig, wer dort wohl nun einziehen würde.
Doch bereits der Tag, an dem die Habe der neuen Familie in die Wohnung geschafft wurde, brachte uns die Antwort nicht. Es waren lediglich die Möbelpacker bei ihrer Arbeit zu beobachten, doch von den Mietern fehlte jede Spur. Auch als die Spediteure Feierabend machten, blieb die Wohnung dunkel. Bis zum späten Abend hielt ich mich mit meinen Geschwistern in Fensternähe auf, doch es tat sich nichts. [ ... ]


Es ist eine unleugbare Tatsache, dass die Schizophrenie in Ballungsgebieten zunimmt. Begründet wird dies nach gültigen psychologischen Auffassungen mit der Anonymität, die sich kurioserweise gerade in Großstädten ergibt. Insbesondere in Hochhäusern oder großen Wohnblocks kennt kaum jemand seine eigenen Nachbarn, zumal in solchen Bauten am laufenden Band ein- und ausgezogen wird. Würde man gewahr, mit wem man da teilweise unter einem Dach wohnt, bekäme man sicherlich zuweilen das kalte Grausen. Und genau dies war die Grundidee dieser Kurzgeschichte.